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Letzter Brief der Vorsitzenden :
Dezember 2016
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138 KO

Liebe Mitglieder, liebe Paten und Patinnen, liebe Sympathisanten

Wir wollten dieses Jahr mit viel Freude den zwanzigsten Geburtstag von TATIT feiern. Aber sowohl die Ereignisse in Niger sowie die Stimmung in Frankreich trüben leider dieses Fest…

Nachdem mein jährlicher Aufenthalt in Niger mehrere Male wegen gesundheitlichen Problemen vertagt wurde, musste er schlussendlich wegen anderen unvorhergesehenen Ereignissen definitiv abgesagt werden. Trotzdem bin ich bestens über alle Ereignisse in Niger informiert, per Internet was die generelle Lage betrifft und telefonisch über alles was in unseren Familien in Bagga, Tahoua und Tiggart passiert.

Niger :

Die Nigrer leben nicht nur in der Angst ihren ohnehin schon sehr niedrigen Lebensstandard weiter sinken zu sehen, sondern nun auch Opfer des vor den Nachbarländern (Mali, Libyen, Nigeria) kommenden Terrorismus zu werden. In den letzten Jahren beschränkten sich die Überfälle auf die Grenzgebiete, aber jetzt breiten sich die Terrorakte ebenfalls im Innern des Landes aus.
Sie betreffen nun die Gegend von Tahoua und Bagga. Kürzlich überfielen Terroristen unweit von Tahoua ein Flüchtlingslager und hinterließen mehrere Dutzend Tote, kurz danach wurde ein amerikanischer Entwicklungshelfer ebenfalls in dieser Gegend entführt, wobei zwei Nigrer, die ihn schützen wollten, erschossen wurden.
Beide Überfälle sind aus Nord Mali kommenden Dschihadisten zuzuschreiben, während im Süden des Landes die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram in den grenznahen nigrischen Dörfern ihr Unwesen treibt.
Die nigrische Regierung tut ihr Bestmögliches um die Terroristen aus dem Land zu jagen. Immer mehr Geld wird für die Armee ausgegeben, leider bleibt dadurch immer weniger Geld für die anderen Bereiche des öffentlichen Lebens übrig. Die Preise steigen, der ohnehin schon tiefe Lebensstandard sinkt weiter und es häufen sich die Protest- und Streikaktionen der Bevölkerung.
Die Nigrer sehen mit gemischten Gefühlen wie sich immer mehr ausländische militärische Stützpunkte (Frankreich, Deutschland, USA) über ihr Land ausbreiten. Offiziell sollen diese helfen den Terrorismus über die Grenzen zurückzudrängen aber die Nigrer stellen keinen Fortschritt in Sache Sicherheit fest und befürchten dass im Gegenteil ihr Land deswegen zum neuen Afghanistan wird!
Leider rückt für die Ausländer, vor allem für die Franzosen, die Aussicht sich in diesem Land wieder frei bewegen zu können in immer weitere Ferne!

Tahoua:

Wir dürfen unserem ersten Abiturienten – einer Abiturientin! – gratulieren. Nach einer musterhaften Schullaufbahn hat sie nun ihr erstes Uni Jahr in der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Tahoua in Angriff genommen.

Die Buschschule inTiggart :

Von November 2015 bis Juni 2016 wurden täglich 20 bis 25 Nomadenkindern die Grundbegriffe von Lesen, Schreiben und Zählen beigebracht. Das neue Schuljahr hat Anfang November 2016 begonnen.

Bagga :

Die an der GV von 2015 genehmigte Mini-Bohrung wurde Ende 2015 in dem geschlossenen Hof unseres Anwesens in Bagga installiert, damit sie nicht öffentlich zugänglich ist. Somit wurde das Risiko, sie oft kostspielig reparieren zu müssen, vermindert. Das Wasser wird mit einer transportierbaren benzinbetriebenen Pumpe hochgepumpt. Diese Pumpe wird auch für die Bewässerung des Gartens benütz.
Die Solar-Beleuchtung des kleinen Marktes funktioniert befriedigend aber der Kühlschrank ist außer Betrieb, da kein Ersatz für das defekte Teil in Niger gefunden werden kann.

Die Gärten

die Regenzeit 2016 war je nach Landesteil sehr unterschiedlich. In Niamey und Agadez gab es schwere Überschwemmungen während in anderen Gegenden kaum Regen fiel. In Bagga und Tiggart reichten die Niederschläge für eine befriedigende Ernte (Tomaten, Bohnen, Salat, Mangos, Hirse). Sie wurde dieses Jahr nicht von einer Heuschrecken Plage oder sonstigen Parasiten bedroht.

Die Buschcamps und die Busch Patenkinder :

In den Camps sehen die Viehzüchter bestürzt den Verkaufspreis für ihre Tiere immer weiter sinken. Der Grund dafür ist die starke Abwertung der nigerianischen Währung und daher das Ausbleiben der Käufer aus Nigeria, die die größten Kunden waren. In Niger haben die Viehzüchter deswegen immer weniger Geld denn die Tiere können nur mit sehr niedrigen Preisen verkauft werden. Sie haben deshalb Mühe ihre Familien zu ernähren, vor allem da sie zusätzlich noch Flüchtlinge aus Nord Mali aufgenommen haben. Den Meisten von ihnen gelingt es nur dank unserer Hilfe.
Dieses Jahr durften unsere Familien von der nigrischen Regierung unentgeltlich Hirse bekommen. Diese Hirse war für die notleidende Bevölkerung bestimmt um einer neuen Hungersnot entgegenzuwirken. Da diese Hirsesäcke in den Städten verteilt wurden und somit für die Nomaden nicht erreichbar waren, musste ein Lastwagen gemietet werde um die Hirse in die Buschcamps zu transportieren.

Leider darf ich unsere Familien nicht mehr besuchen. Es tut mir sehr leid den Paten und Patinnen keine Fotos von ihren Patenkindern mehr mitbringen zu können. Aber ich kann ihnen versichern dass es allen gut geht.

Der Tierbestand :

Es wurden 16 Kühe, 28 Ziegen, 24 Schafe, ein Kamel und 6 Esel für unsere Patenkinder und mehrere notleidende Familien gekauft.

Gesundheit:

Die Meningitis hat auch dieses Jahr in Niger viele Todesopfer gefordert. Alle TATIT-Schüler und ihre Geschwister, sowohl in Tahoua wie auch in den Buschcamps, wurden geimpft und haben heil die Epidemie überstanden, leider wurden drei eingeimpfte Kinder und vier Erwachsene Opfer dieser schrecklichen Krankheit.
Wie jedes Jahr erkrankten viele Leute an Malaria aber wir haben keine Todesopfer zu beklagen.
Zwei Sippenmitglieder mussten im Spital behandelt werden. Ein Viehzüchter fiel von seinem Kamel und wurde mit multiplen Knochenbrüchen in den Spital eingeliefert. Nach mehreren Operationen und einigen Tagen Erholung in unserem Haus, konnte er geheilt in sein Camp zurückkehren.
Die Mutter von mehreren Patenkindern musste mit einem lebensgefährlichem Magengeschwür und Malaria in eine Klinik gebracht werden. Auch ihr geht es nun wieder gut. Weitere Sippenmitglieder erkrankten an Malaria und diversen Infektionskrankheiten, konnten aber in unserem Haus in Tahoua gepflegt werden.

Schlussfolgerung :

Dieser zwanzigste Geburtstag ist ein wichtiger Meilenstein im Leben unserer Vereinigung, denn wir müssen uns gestehen dass wir an unseren Grenzen angelangt sind, diese Tatsache akzeptieren und mit ihr weiterleben.

Ich bereue es dass es uns nicht ganz gelungen ist den Leuten von Bagga genügend Mittel in die Hand zu geben um ihr Schicksal wieder ganz eigenständig in die Hand zu nehmen. Aber die Zukunft ist leider unberechenbar und die Prognosen erfüllen sich selten wie geplant, vor allem in Afrika, wo die Wege zum Ziel noch viel weniger geradlinig verlaufen als bei uns im Westen.

Wer hätte noch vor wenigen Jahren voraussehen können dass es bald gefährlich sein würde nach Niger zu reisen? Dass wir deswegen unseren Leuten vor Ort nicht mehr helfen dürfen den Schritt in moderne Techniken zu wagen?

Und kein Mensch hätte vor zwanzig Jahren voraussehen können wie sehr sich unsere westliche Gesellschaft verändern wird. Die junge Generation interessiert sich viel weniger für die Probleme ferner Länder. Man ist durch alle Medien von Bildern und Informationen dermaßen überflutet dass man lieber genervt wegschaut. Die ständige Wiederkehr immer derselben scheinbar unlösbarer Probleme in Afrika entmutigt die Spender die sich nun lieber für die Bekämpfung der zunehmenden Armut in unseren eigenen Ländern einsetzen.

Man unterschätzt die Zeit die man fremden Kulturen lassen muss um den Schritt in die moderne Welt zu wagen ohne zu Befürchten dabei ihre Traditionen, die jahrhundertelang der Ziment und der Stolz ihrer Gesellschaft waren, zu verlieren. Die Nomaden denen wir helfen wollen, leben, was die Generation der Eltern und Großeltern betrifft, noch im Mittelalter, während ihre Kinder schon sehr gut mit unseren modernen technischen Hilfsmitteln umgehen können. Die Evolution findet also tatsächlich statt, die Vorsitzende stellte es bei jeder Reise fest.

Man möchte natürlich dass es schneller geht, und vergisst dabei wie richtig das Sprichwort „Man muss der Zeit, Zeit lassen !“, ist. Es ist besonders wahr in Niger, einem Land in dem das Leben viel schwieriger ist als bei uns. Man braucht dort eine gute Portion Mut und Ausdauer um der Zukunft mit Optimismus entgegen zu sehen. Die jungen Leute, die wir dort unterstützen, haben diesen Mut.

Leider können sich nun keine westlichen Entwicklungshelfer mehr vor Ort begeben um unsere Leute weiter für unsere Solarprojekte auszubilden, so dass diese Projekte aufgegeben werden müssen. Wir kommen deswegen wieder zu den traditionellen Methoden zurück, die weniger effizient, dafür aber den Gewohnheiten der Leute entsprechen, viel billiger sind und viel weniger Unterhalt brauchen.

Da die finanziellen Mittel von Tatit in den nächsten Jahren voraussichtlich abnehmen werden, aber in Niger alles teurer wird, muss unsere Hilfe auf das Notwendigste beschränkt werden, was bedeutet:

- einfache traditionelle Hilfsmittel finanzieren…und das Schlimmste verhindern! Dieses Schlimmste wäre dass in der aktuellen Situation in Niger die Leute die wir bis jetzt unterstützt haben wieder hungern und mangels Geld für die Gesundheitskosten sterben müssen; dass die jungen Schüler die wir unterstützen, die Schule verlassen müssen ohne die Chance bekommen zu haben, so wie ihre Vorgänger einen guten Beruf ausüben zu können und dank ihm ihren eigenen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Aber das Schlimmste vom Schlimmen wäre dass wir die ganze Hilfe aufgeben weil wir das Gefühl haben dass wir uns in einer Sackgasse befinden und deswegen diese Hilfe sinnlos ist, denn die während den zwanzig letzten Jahren geleistete Arbeit hat zweifellos hoffnungstragende Spuren hinterlassen.

- Der gekauften Tierbestand hat vielen Familien die Mittel gegeben wieder selbstständig ihren Lebensunterhalt zu betreiben und jungen Leuten dank Patenschaften die Möglichkeit den Beruf des Viehzüchters von ihren Eltern zu übernehmen. Aber Tiere sind kein bleibendes Gut. Tiere können wegen schlechten klimatischen Bedingungen oder Seuchen sterben, die Verkaufspreise können drastisch sinken, wie es zur Zeit der Fall ist und man muss viele davon haben um überleben zu können, so dass unsere Hilfe mehr denn je notwendig ist.

- Der Gemüse und Früchtegarten der uns 1997 „Terre des Hommes Alsace“ gekauft hat, sollte die Leute von Bagga ernähren und dank dem Verkauf eines Teils der Ernte die Kosten für die Buschschule decken. Leider kann heute nur ein kleiner Teil der Sippe mit Gemüse und Früchte versorgt werden und alleine die Mango Ernte im Juni erlaubt den Verkauf eines Überschusses auf dem Markt. Dieser Verkauf ermöglicht es leider nicht alle Kosten zu decken aber er ist immerhin eine Hilfe für den Kauf lebensnotwendiger Güter.

- Patenkinder die wir seit ihrer Kindheit unterstützt haben, können heute einen Beruf ausüben der ihnen ein besseres Leben ermöglicht als dasjenige ihrer Eltern, in der Stadt für die Schüler von Tahoua und als Viehzüchter was die Buschpatenkinder betrifft.

Ich bin leider persönlich betroffen von der aktuellen Sicherheitslage in Niger, die es mir nicht mehr erlaubt vor Ort zu gehen um unsere große Tuaregfamilie, die Familie meines Ehemannes die ebenfalls meine ist, zu besuchen. Es schmerzt dass ich die Kinder, die ich auf die Welt kommen sah, nicht mehr sehen und auf ihrem Lebensweg begleiten darf.
Trotzdem werde ich meinen Verpflichtungen nachgehen solange es Mitglieder gibt die TATIT unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen!

Danielle Kronenberger-Elhadji

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