~ startseite ~
Archiv

Letzter Brief der Vorsitzenden :
Mai 2013
PDF
49 KO

Liebe Mitglieder, liebe Paten und Patinnen, liebe Sympathisanten

Während uns in großen Teilen Europas die Sonne vergessen zu haben scheint, leiden in Niger die Leute unter einer exzessiven Hitze und sie beneiden uns um die kühlen Temperaturen deren wir überdrüssig sind. Leider kann ich euch hiermit keine Sonnenstrahlen senden, aber ich hoffe, dass meine Nachrichten aus Niger, obwohl nicht alle von Optimismus geprägt sind, wenigstens ein wenig von der nigrischen Sonne in eure Herzen bringen können.

Die Lage im SAHEL

Es hat sich in diesem Gebiet seit meinem letzten „Brief“ vieles ereignet: die Befreiung NordMalis von den Islamisten und nun die Vorbereitung der Präsidentschaftswahlen im Juli, da die heutige Regierung Malis nur „ad interim“ das Land leitet.
Aber auch wenn nun die Medien viel weniger davon berichten, so sind die Probleme noch lange nicht gelöst und in der Gegend von Kidal ist man noch weit vom Frieden entfernt.
Was sich dort ereignet, hat schwerwiegende Folgen für die Nachbarländer. Es wird befürchtet, dass die aus Mali vertriebenen Terroristengruppen nun jenseits der Grenze ihr Unwesen treiben werden.
In Niger haben bereits zwei Selbstmord Attentate, das erste in einer Kaserne in Agadez und das andere in dem französischen Uraniumwerk Areva, mindestens 25 Tote und viele Verletzte, alles Nigrer, gefordert. Es sind die ersten Anschläge dieser Art in diesem Land. Die Terroristen Gruppe MUJAO bekennt sich zu den Attentaten als Vergeltung für das Eingreifen nigrischer und französischer Truppen in NordMali.

NIGER

Die aktuelle Lage hat leider die Unstimmigkeiten zwischen den verschiedenen Volksgruppen noch verschärft. Aus Mali wurden Kämpfe zwischen Arabern und Tuareg gemeldet und es wird befürchtet, dass die Hilferufe beider Gruppen an ihre “Brüder” außerhalb der Landesgrenzen zu neuen und größeren Kämpfen führen könnten. In Niger sind die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden. In Tahoua/Bagga wird nun den Tuareg untersagt nach 20 Uhr ihre Camps oder ihrer Häuser zu verlassen.

Mittlerweile hat die Regenzeit begonnen und nun stehen für viele Nigrer die Feldarbeiten im Mittelpunkt ihrer Besorgnisse. Mag sie eine wohltuende Pause sein und zu einem neuen Friedenswillen anregen! Er ist bitter nötig in dieser düsteren Periode wo man jederzeit eine Eskalation des Konfliktes befürchten muss.

Meine Reise nach Niger vom 20. März bis 18. April 2013

Schon zum dritten Mal konnte ich wegen den strengen Sicherheitsmaßnahmen Niamey nicht verlassen und nach Tahoua und Bagga weiterreisen. Mein Aufenthalt musste sich einmal mehr auf die Hauptstadt beschränken. Ich habe die von der französischen Botschaft vorgeschriebenen Sicherheitsregeln eingehalten: das Haus nicht ohne wichtigen Grund verlassen, nachts nicht auf die Straßen gehen, keine Orte besuchen an denen ein Entführungsrisiko besteht, nur bekannte und vertrauenswürdige Besucher in das Haus lassen, mit der Botschaft in Kontakt bleiben…u.s.w. Und alles ging gut!

Das Leben spielt sich in Niamey normal ab, aber besonders gefährdete Gebäude wie die französische Botschaft, die französische Schule und der Sitz bekannter NGOs und Firmen, werden abgeschirmt und von nigrischen Soldaten überwacht. Die einzigen „Weißen“ die ich in der Stadt gesehen habe, waren…“Gelbe“, Chinesen! Im Gegensatz zu den Westeuropäern, vor allem den Franzosen, müssen sie anscheinend nicht befürchten, entführt zu werden!

Man begegnet in Niamey vielen Flüchtlingen aus Mali. Um in diesem fremden Land überleben zu können, versuchen einige das einzige Gut das sie noch besitzen, das Auto in dem sie hierhergereist sind, für einen Spotpreis zu verkaufen.

Mein Mann Madu und einige Mitglieder seiner Familie haben mir Gesellschaft geleistet. Mehrere Besucher sind aus Tahoua und Bagga angereist um mich zu begrüßen und mir zu berichten wie es unseren Familien dort geht.

Die Temperatur lag tagsüber bei 42° C und die Nacht brachte kaum Abkühlung. Ich genoss die ersten Gewitter der beginnenden Regenzeit, aber die nun erhöhte Luftfeuchtigkeit lässt die Hitze noch unerträglicher werden. Für die ersehnte Abkühlung kann man sich nicht auf die Ventilatoren und die Klimaanlage verlassen, da sie uns wegen den ständigen, dort üblichen Stromausfällen sehr oft im Stich gelassen haben. Aber immerhin konnte ich den Malaria übertragenden Mosquitos entgehen, denen bald viele Menschen zum Opfer fallen werden.

TAHOUA

Hier fällt nicht nur der elektrische Strom oft aus, sondern ebenfalls das fließende Wasser. Wenn es fließt, stehen die Leute Schlange um Wasserbehälter zu füllen. Man fragt sich, was aus der großen Bohrung geworden ist, die Frankreich 2003 anlässlich des Staatsbesuches des damaligen französischen Staatspräsidenten Chirac der Stadt Tahoua geschenkt hat. Anscheinend ist sie nicht mehr in Betrieb.
Man sagte mir auch, dass ein größerer Stromausfall von einem riesigen Schwarm Heuschrecken verursacht wurde, der sich auf den elektrischen Kabeln der Stadt niedergelassen hat. Ob es wahr ist, ließ sich schlecht überprüfen.

Nachdem ein Schüler einen Lehrer geohrfeigt hatte, wurde in allen privaten Schulen von Tahoua mehrere Wochen lang gestreikt. Die Lehrer protestierten damit gegen das zunehmend schlechte Benehmen der Schüler und das Desinteresse der Eltern. Diese Situation, die wir leider seit einiger Zeit in unserer westlichen Gesellschaft kennen, ist hier neu. Bis vor kurzem war für die afrikanischen Kinder der Respekt gegenüber allen älteren Personen, vor allem Eltern und Lehrern, noch selbstverständlich.
Die Tuareg Kinder bilden in den meisten Schulklassen eine kleine Minderheit. Für sie gelten noch vorwiegend die alten Anstandsregeln!
Unsere drei Kandidaten für die „Mittlere Reife“, Albascharette, Adamu und Bila, haben sich während des Streiks zuhause auf diese Prüfung vorbereitet. Nun hat der Unterricht wieder begonnen und sie hoffen dass der Ausfall vieler Unterrichtstunden keine negativen Auswirkungen haben wird.
Den anderen Schülern stehen kleinere Prüfungen bevor, die sie bestehen müssen, damit sie im Herbst in die nächsthöhere Schulklasse aufsteigen können.
Unsere drei ehemaligen Informatikstudenten, Jamila, Mohamed und Ekam, haben jetzt feste Arbeitsverträge. Ihre Patenschaft ist mit ihrem Eintritt in das Berufsleben beendet und ihre Paten und Patinnen unterstützen nun neue Patenkinder.

BAGGA

Vor ein paar Jahren finanzierte die E.U. in dieser Gegend eine große Bohrung, dank der alle Dörfer mit trinkbarem Wasser versorgt werden sollten. Leider ist diese Bohrung die meiste Zeit außer Betrieb, so holen die Dorfbewohner ihr Wasser mit ihren Eselskarren an unserer wesentlich kleineren Vergnet Pumpe. Diese Pumpe war nur für die Anwohner unseres Anwesens vorgesehen. Sie ist daher nicht für eine so intensive Benützung gebaut, was zur Folge hat, dass sie oft repariert werden muss. Nun hat Madu (mein Mann) beschlossen, die Pumpe nicht mehr sofort zu reparieren, damit es sich die Leute der Dörfer angewöhnen, ihr Wasser an einem anderen Ort zu holen.

Nachdem auch hier der erste Regen gefallen ist, wurden in unserem Garten Bohnen und Erdnüsse gepflanzt, die typische Regenzeitplanzungen sind. Bevor man die Hirse pflanzen konnte, mussten die Hirsefelder von Bagga und Tiggart zuerst tief gepflügt werden. Der Kot der vielen Ziegen, Schafe und Kamele, die hier die Trockenzeit verbringen, hat eine dichte Schicht hinterlassen, die mit der Zeit eine wasserdichte Kruste bildete. Der gebührenpflichtige Einsatz eines Traktors war dafür notwendig.

Die Patenkinder und das Leben in den Buschcamps

Leider konnte ich unsere Familien und die Patenkinder wieder nicht sehen, aber Besucher machten mir ausführliche Berichte über ihr Befinden und ihr Leben.
Allen Leuten geht es gut. Madu hat sogar einige Fotos mitbringen können. Sie sind auf unserer Internetseite sichtbar. Leider fehlen einige Patenkinder in dieser Galerie, aber ihre Paten und Patinnen können beruhigt sein: sie sind gesund und munter!

Da die Regenzeit begonnen hat, werden die Nomadenfamilien bald Tiggart verlassen und in Richtung Norden ziehen. Unsere Buschschule wird schließen und die Kinder werden Schulferien haben. Sobald die Regenzeit vorbei ist werden die Familien zurückkommen und der Unterricht in der Schulhütte wird wieder beginnen, da er sich großer Beliebtheit erfreut!

Mehrere Flüchtlingsfamilien aus Nord Mali haben in Tiggart Zuflucht gefunden. Eine Frau ist mit ihren vier halbwüchsigen Kindern aus einem Flüchtlingslager an der nordmalischen Grenze angekommen. Der Familienvater wurde von den Islamisten entführt und niemand weiß was aus ihm geworden ist. Diese Frau hat von der dramatischen Lage der Nomaden im Kriegsgebiet Nord Malis berichtet. Die Kinder haben sehr unter diesen traumatischen Umständen gelitten. Das älteste, ein Junge, konnte sich nicht von dem Schrecken erholen und ist zwei Tage nach der Ankunft der Familie in Tiggart an einer undefinierbaren Krankheit gestorben.

Neben den Flüchtlingen aus Mali kommen auch viele Tuareg aus Libyen zurück. Sie hatten zu Gaddafis Zeiten eine korrekt bezahlte Arbeit, die es ihnen ermöglichte gute Lebensbedingungen zu genießen und sogar ihre Familien in Niger zu unterstützen. Nach Gaddafis Sturz waren viele nach Niger zurückgekommen, sie kehrten aber später wieder nach Libyen zurück. Neue Exilkandidaten haben sie begleitet. Nun treten die meisten von ihnen wieder den Heimweg an. Sie klagen über eine deutliche Verschlechterung der Lebens und Arbeitsbedingungen, massive Preissteigerungen, und einen zunehmenden Rassismus den Tuareg gegenüber. Man wirft ihnen vor Gaddafi unterstützt zu haben, und nun auf der Seite der Terroristen zu stehen.

Letzten November wurde in Tiggart ein Familienvater, Saraidu, von seinem Kamel schwer verletzt. Er wurde bewusstlos nach Tahoua transportiert, wo er gepflegt werden konnte. Nun kann er sich wieder ganz normal bewegen. Im Dezember erlitt ein Junge in einem Camp schwere Kopfverletzungen. Auch ihm geht es heute wieder gut.

Am 17. Januar erreichte mich die traurige Nachricht vom Tode des Sippenältesten, Abdus. Sein genaues Alter war nicht bekannt, aber man hielt ihn für weit mehr als 100 Jahre alt, was mir nicht sehr übertrieben scheint. Er starb in Tiggart umgeben von seiner großen Familie. Mit ihm verschwindet ein kostbarer, unersetzbarer Zeuge der Geschichte der Kel Eghlal von Bagga.

NEUES VON DER VEREINIGUNG

Vielen Dank den 77 Mitgliedern, die ihren Mitgliedsbeitrag 2013 gezahlt habe…und ich bitte die Wenigen, die es noch nicht getan haben, nicht zu vergessen es bald zu tun. Jeder Beitrag ist für uns sehr wichtig, denn die Zeiten sind nicht rosig und wir wissen nicht, was noch alles auf uns zukommen wird!

Nachdem in den zwei vergangenen Jahren Marlène und Anita in einem relativ jungen Lebensalter gestorben sind, hat uns dieses Jahr Frederic verlassen. Wir trauern um ein langjähriges Mitglied und einen treuen Paten.
Da eine schlechte Nachricht selten alleine kommt, erreichte uns die Mitteilung zweier österreichischer Paten, dass sie wegen finanziellen Schwierigkeiten ihre Patenschaften beenden wollen. Einer der Paten unterstützte 1 Patenkind, der andere 3 Patenkinder.
Gleich 5 Patenschaften zu verlieren, ist ein schwerer Schlag für uns. Wir danken daher den Paten und Patinnen unserer ehemaligen Informatik-Studenten, dass sie uns weiter unterstützen und uns damit einen noch größeren Verlust ersparen.

Es liegt mir am Herzen euch von gewissen Taten zu berichten, die ich empörend finde. Alle Leute die oft mit Internet zu tun haben, wissen dass hier Betrüger besonders aktiv am Werk sind, aber wenn sich diese Betrüger humanitäre Hilfswerke als Opfer aussuchen, finde ich das besonders schlimm.
Während meines Aufenthaltes in Niger meldete sich eine Dame per Email bei TATIT. Sie gab an, eine größere Summe in der Lotterie gewonnen zu haben und unsere Projekte mit Spenden unterstützen zu wollen. Sie hatte sich unsere Homepage genau angesehen und wollte alle 6 Kinder, die für Patenschaften vorgeschlagen werden, als Patin übernehmen… was in unserer aktuellen Lage besonders erfreulich tönte! Ich bin bei solchen Versprechungen sehr vorsichtig geworden, aber es gibt ja auch Wunder, so setzte ich mich nach meiner Rückkehr mit dieser Dame sofort per Email in Kontakt. Aber ich warte immer noch auf ein Lebenszeichen von ihr…und von den versprochenen Spenden fehlt natürlich jede Spur!
Ich kann wirklich nicht verstehen weshalb sie TATIT so viele Versprechungen gemacht hat! Was hat ihr dieser üble Scherz gebracht? Sie hat von uns nicht einmal eine Information bekommen, die sie für irgendwelche zwielichtigen Zwecke hätte brauchen können. Wir hingegen haben uns vergebens auf eine großzügige Spenderin und eine neue Patin gefreut!
Schon vor ein paar Jahren setzte sich ein angeblicher Spender mit mir in Verbindung und bat um das IBAN des TATIT Kontos mit der Begründung, er wolle eine Spende überweisen. Glücklicherweise war diese Person unserer Bank wegen früheren Fälschungsversuchen bekannt, so konnte sein Vorhaben sofort gestoppt werden. Er wäre nämlich mit unserer IBAN in der Lage gewesen, von dem TATIT-Konto Geld auf sein eigenes Konto zu übertragen. Der Betrüger, der jedem seiner Opfer eine neue falsche Identität angab, konnte überführt werden und landete im Gefängnis bevor er uns schaden konnte. Nach dieser traurigen Erfahrung wurde die IBAN des TATIT-Kontos von unserer Homepage entfernt.
Wenn uns eine unbekannte Person zwecks Überweisung einer Spende unsere IBAN verlangt, die normalerweise für diesen Zweck gedacht ist, wie sollen wir wissen ob es sich um eine ehrliche Person oder um einen Betrüger handelt? Vielleicht kann mir ein Mitglied die Antwort geben? Ich wäre ihm sehr dankbar dafür!

Mit freundlichen Grüßen!

Danielle Kronenberger-Elhadji und die große Tuareg-Familie in Niger.


~ Starseite ~